Kurs SW: wir reißen uns los vom Aukštaitija NP im Nordosten Litauens und erweisen Kaunas die Ehre mit einem Abendspaziergang: Backsteine, Gotik, Bauhaus, Burg und Moderne am Zusammenfluss von Neris und Nemunas. Auf der einen Seite der Innenstadt ein beeindruckend breiter, grüner Boulevard / Prospekt – nicht für Autos, sondern für Menschen, der schnurstraks auf die Kirche Įgulos bažnyčia zuläuft: ursprünglich russisch-orthodox, was man ihr ansieht, jetzt katholisch. Auf der anderen Seite eine puschige Altstadt mit einem Marktplatz, der (im Vergleich zu Tallinn und Riga) “nur” halbvoll mit Restaurationsgestühl steht. Und in der Nähe zu Altstadt und Flusszusammenfluss eine alte Burg. Besonders schick: der großzügige öffentliche / soziale Raum der Landzunge: für den erholungsuchenden Menschen gemacht: Wege, Wiesen, Sportanlagen, Bänke, Toiletten, bestimmt auch Grillplätze – überdacht natürlich.






Im Freilichtmuseum von Rumšiškes sind wir die ersten und letzten Besucher des Tages. Ein riesiges Gelände (7 km Rundweg plus rein-raus-kreuz-quer-hin-her) mit Häusern und Höfen den Regionen entsprechend sortiert:



Litauen in einer Nussschale, i en nøddeskal. Unsere persönlichen Althaus-Liebhaber-Highlights: Reetdächer, Fenster, snickarglädje, Vorgärten und…:

Der Hof aus Mažoji Lietuva (Kleinlitauen) inkl. Privatführung durch die Sanierungsarbeiten im Haus. Das Sahnehäubchen auf unserer Museumtour! Nicht nur die Bauweise (Stein außen mit Holz verkleidet) und die Farbgebung (diese Farben!), sondern vor allem der Zustand (im Bau!) fängt uns völlig ein. Gekrönt und zum Erlebnis wird das Haus durch den letzten Kachelofen-Setzer Litauens (sagt er), der uns auf eine exklusive Führung durch das Haus einlädt. Wir teilen nicht die gleiche Sprache, aber die Begeisterung für denkmalgerechtes Bauen. Gerade ist er dabei die Ofenstelle zu mauern: 3 Kachelöfen in einem (hätten wir auch gerne). Die Innenwände tragen Kalkputz (wie unser Haus in NF), ein Raum hat schon eine schicke Blümchentapete (ein Fund aus Sowjetzeiten), „Leichtbauwände“ aus handbehauenen Bohlen, einfach verglaste Holzfenster mit Innenfenstern (wie unser Haus in SE). Reetdach wie NF mit Dachkonstruktion ähnlich SE, dazu reichlich snickarglädje („Tischlerfreude“-Holzverzierungen). Am liebsten würden wir das Haus inkl. Nebengebäude, den Ofensetzer oder wenigsten ein paar Farbproben gleich mitnehmen. Unser nächstes Ziel wird Kleinlitauen am Kurischen Haff.












Fenster und Zäune! In diesem tollen, weitläufigen Museum fangen uns die Landschaft und die Hof-Ensembles, die hier den ihnen gebührenden Platz haben, um „echt“ zu wirken. Unsere Althausliebe hängt aber auch an den Details. Fenster sind die Augen eines Hauses. Mit ihrem Format und Material können die ein ganzes Haus beleben – oder zerstören. Außerdem: Fenster renovieren ist mein liebstes Sommer-Renovierungsprojekt: auch weil man dafür gutes Wetter und seine Ruhe braucht. Und: Fenster bieten Durchblick und Reflektion. Die Krönung wäre hier altes Glas gewesen.






Vorgärten, Reetdächer und snickarglädje runden die Häuser, die Höfe, das Erlebnis ab.












Auf dem Weg von Kaunas zum Kurischen Haff und Nemunas-Delta steht solitäre Backsteingotik in der Abendsonne am Ufer der Nemunas, die Kirche von Zapyškis. Das Dorf, das die Kirche mal umgeben hat, ist vor der über die Ufer tretenden Nemunas geflüchtet. Bei der Kirche hat man über die Jahrhunderte nicht aufgegeben und gegen die Naturgewalten anrenoviert. Neueste Zutat ist das schicke Umfeld der Kirche: Platz und Raum für Menschen. Hundert Meter Backstein-Sitzbank mit Kirchen- und Flussblick, offensichtlich in Rennrad-Feierabendrunden-Entfernung zu Kaunas, am Fluss campen und grillen Angler, Familien lüften Hunde und Kinder, die Abendsonne taucht alles in milde Farben. Ein perfekter Abendpicknick-Stop, bevor uns der Abend- und Morgennebel am Flussufer in den Nachtschlaf hüllt.



